Reprint. Ursprünglich erschienen auf der Facebook-Seite von COMPUTER BILD SPIELE

Es war mal mein Lieblingsgenre: Rollenspiele. Das kommt auch nicht von ungefähr: Als kleiner Junge habe ich meine Abende mit Freunden und Stift-und-Papier-Rollenspielen verbracht. Ich habe Schlachten geschlagen in Earthdawn, zu den Götter gebetet in Das Schwarze Auge, in Midgard Orks erschlagen, mich in Role Master mit den falschen Zauberern angelegt und final in Shadowrun mit Straßensamurais und Deckern die Konzerngesellschaft unterminiert. Und auch am Computer oder an der Konsole habe ich Rollenspiele verschlingen können; „Phantasy Star 4“ am Mega Drive von Sega hat mein Interesse für’s Englische erst geweckt – man will ja schließlich auch verstehen, was da so passiert.

 

Unzählige Stunden habe ich darauf verwendet, Fantasiewelten auszugestalten oder vorm Bildschirm zu erleben. Heute ist das größtenteils passé. Das ein oder andere jRPG (insbesondere „Persona“) nehme ich noch mit, aber vor Spielen wie „Witcher“ und Konsorten schrecke ich in Furcht zurück. Solche Spiele nenne ich Zeitfresser und schließe fast von vornherein aus, dass ich jemals dazu kommen werde, diese Titel zu zocken. Kann ich mir nicht erlauben. Bin schließlich mindestens 50 Stunden an das Sofa gefesselt, bevor ich da irgendetwas erblicke, das nach Ende aussieht. Und Gnade mir Gott, wenn ich Fähigkeiten falsch besetzt haben sollte. Aber warum fürchte ich mich so sehr davor, mich in diese Fantasie zu stürzen?

 

Weil das nächste große Spiel schon hinter der Ecke lauert und seinen Anspruch auf meine Zeit fordert. Und dann setzt das Geschacher ein: Für ein „Ni no Kuni“ kann ich auch drei, vielleicht vier Actionspiele zocken, also gleich „Metal Gear Rising“ und „DmC – Devil May Cry“ plus X abhaken. Abhaken. Da ist das große böse Wort. Ich spiele nicht mehr mit Genuss, sondern nehme nur noch den neuesten Spiele-Hit mit, um am Puls der Zeit und immer im Gespräch zu bleiben. Eigentlich grausam, eigentlich unerträglich. Aber wer lässt sich denn nicht gerne davon mitreißen, wenn die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird? Neues Szenario, heißestes Gameplay, schärfste Grafik, tollste Community – und alles auf der monatelang gehypten neuen Konsole oder mit Mantle-Technik am PC.

 

Im vergangenen Jahr rief Steam Greenlight dann Indie-Entwickler im großen Stil auf den Plan, die mit ihren prozedural generierten Welten nicht mal einen Endpunkt für ihre Titel definieren. Nicht nur das, es gibt auch noch unwahrscheinlich viele von denen, die wirklich tolle Games raushauen.  Damit ich mir das Überangebot leisten kann, locken Steam Sales, Humble Bundles und Amazon Blitzangebote mit Rabatten, so dass nicht mal mehr ein finanzielles Limit dem Überangebot im Weg steht. Ich fühle mich langsam wie die Sau, die panisch quiekend von einem Häusereingang zum nächsten rennt: Angebote checken, Kollegenmeinung prüfen, Userbewertung querlesen – abbuchen per Lastschrift.

 

Und ich streike. Ich streike, weil ich schlichtweg nicht mehr dagegen ankomme. Ich ertrinke in Gelegenheiten wirklich einzigartige Spiele zu zocken. Genug des nach Luft Japsens, ich möchte meine Game-Time wieder genießen. Ich möchte mir wieder Zeit nehmen, auch mal den „New Game+“-Modus eines Spiels abzuchecken. Ich möchte auch mal wieder Sidequests machen, von denen ich weiß, dass sie eigentlich nur getarnte Sammelübungen sind. Ich möchte mehr in die Online-Multiplayer meiner Lieblingsshooter schauen. Vor allem aber, möchte ich wieder bestimmen, wann ich genug von einem Titel gesehen habe. Ich möchte mir wieder Zeit nehmen zum Zocken. Ich muss nicht mehr jedes Game ausprobiert haben. Bitte verzeiht mir also, wenn ich in Zukunft nicht mehr überall mitreden kann. Ich lasse mir aber gerne von euch erzählen, was ich alles verpasse, wenn ich nicht „Assassin’s Creed 5“, „Fallout 4“ oder „Battlefield 5“ mitnehme. (Jan)

 

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