Das war ein Mikro-Dialog zu „Drakengard 3“, der sich unter anderem auf dieses Video bezog. Der Gedanke hat mich beim Spielen nicht mehr losgelassen. Weder bei „Drakengard“, noch kurz darauf als ich mich durch „Shadow Hearts“ pflügte.

Seltsam ist gut: Shadow Hearts

Mit einem eher wagen Interesse an historischer Korrektheit schlägt man sich in bester jRPG-Manier in „Shadow Hearts“ durch die Wirren des Ersten Weltkrieges. Dabei nutzt der Titel historische Figuren und Begebenheiten, um seinen durch und durch Anime-Plot einen kleinen Schuss „Was wäre wenn“-Romantik zu verpassen. Was wäre, wenn Rasputin nicht ein Wunderheiler sondern ein besessener Magier war, der die Absicht hatte, die russischen Adel zu stürzen. Nur um den Hunger seines inneren Dämons nach Tod und Verderben zu stillen, würde er Russland tief in den Krieg stürzen.

Nun klingt das erstmal nach Standard-Programm für Kenner von Spielen aus Fernost. Im Detail zeigt sich aber wie merkwürdig der Titel ist: Wenn eine Widersacherin an Folterspielen ein wenig zuviel Spaß hat. Oder wenn der Vampir-Wrestler und selbst ernannter Rächer den Entrechteten völlig entspannt Briefkasten-Säulen, Tische oder Götzenbilder stiehlt, um sie als Waffe zu zweckentfremden. Wenn ein Charakter erst neue Spezial-Fähigkeiten erhält, wenn er einem Händler die neuesten Centerfolds aus einem Homo-Magazin besorgt. Oder als das Schoßhündchen der Gruppe sich in einem einmaligen Schleich-Abschnitt auf zwei Beinen an die Wand gepresst:

Shadow Hearts Covenant: Stealth Blanca

Und für mich macht genau das den Reiz aus: „Shadow Hearts“ überrascht mit neckischem Humor, der sich in Spiel-Mechanik, Handlung und Charakteren zeigt. Mich hielt die Frage danach, was mir die Entwickler wohl als nächstes präsentieren über die gesamten 40 Spielstunden bei Stange. Schade nur, dass der Titel gegen Ende dann doch in die jRPG-Falle tappt und im eigenen Pathos zu ertrinken droht.

Wir brauchen mehr seltsam – Drakengard 3

Nach dem deutlich unterschätzten „Nier“ habe ich mir über Monate die Finger nach diesem Titel geleckt und habe sehr fröhlich als einer der ersten die Sammler-Edition bestellt. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht, soviel ist sicher. „Drakengard 3“ trägt sich genauso wie „Nier“ durch die komplexen wie schrulligen Charaktere: eine blutgierende Walküre, ein grenzdebiler Baby-Drache, ein immer-geiler alter Bock und mehr. Die Figuren verbindet anfangs nur ein loses Band: Hauptcharakter Zero bringt der Reihe nach ihre Schwestern um – und erbt dadurch das Lehen derer Diener. Ebenso ist zunächst Zeros Motiv nicht klar. Es scheint, sie wäre schlicht machthungrig und man spielt zur Abwechslung mal den Bösewicht in einem Videospiel.

Drakengard 3: Zero

Zero wirkt abgebrüht, kalt, verschlagen – und herrisch gegenüber ihren Mitstreitern. Die bleiben trotzdem an ihrer Seite, weil – und das zeigt das Spiel nicht, geht aber sehr wohl offen damit um – Sex im Überfluss und in allen Spielarten sie bei Laune hält. Dieses Verhältnis bleibt bis zum Schluss ambivalent: Nie ist ganz klar, ob Zero Sexualität als Mittel zum Zweck einsetzt oder ob es auch um ihren eigenen Lustgewinn geht. Das einzige, was klar ist: um Intimität wird es wohl nicht gehen. Trotzdem baut der Titel über diverse „lauschige“ Momente am Lagerfeuer vor Beginn der Schlacht genau diese auf. In den Dialogen reflektieren die Charaktere über sich selbst, die Situation, den Feind und die Gruppe. Um das Bild zu strapazieren: „Drakengard 3“ schält Story und Charaktere wie eine Zwiebel und schafft es, mit jeder neuen Schicht ein spannenderes Detail hervorzubringen.

Trotzdem bleibt vieles seltsam: der masochistische Mitstreiter, der in Kampfhandlungen sichtlich erregt wird, wenn er von der gesamten Gruppe gescholten wird für seine Leistungen irritiert ebenso wie das stete Durchbrechen der vierten Wand, das in diesem Titel wirklich keinerlei Zweck erfüllt. Das steigert sich bis zu dem Punkt, an dem ein Charakter schlichtweg beschließt, dass dieses Ende der Handlung nicht ihren Vorstellungen entspricht und dann (wie auch immer) Parallel-Szenarien durchspielt. Noch lächerlicher wird es dann erst wieder im Finale, das ich vorerst nicht beende: Aus dem Nichts heraus muss ein Rhythmusspiel geschafft werden, das es vorher nicht im Spiel gegeben hat.Jeden Fehler bestraft der Titel mit dem sofortigen Tod. Die visuellen Hilfen verschleiert das Spiel ab der Halbzeitmarke und im Abschluss muss man sogar einige Schläge treffen, die weder seh- noch hörbar sind. Die letzte Zwischensequenz ist hart erkauft. Nennen wir es mal eine Löwenaufgabe.

Drakengard 3: Kick
Auch wenn das Ende mich allenfalls wie einen Löwen hat brüllen lassen, so war doch alles davor meine Zeit wert. Die Charaktere sind eigen, die Sprache ist derb und irritiert dadurch und die Handlung ergibt sehr lange keinen wirklichen Sinn. Fadenscheinige Motivationen werden schnell hingespuckt, um den unmittelbaren Fluss konstant zu halten. So verstricke ich mich in ein immer größeres Netz aus zusammenhängenden Fragen, deren Antwort ich dringend wissen möchte, weil ich diese andersartige Welt so gerne verstehen möchte. Wo das Seltsam in „Shadow Hearts“ in erster Linie dem Humor galt, ist die Andersartigkeit von „Drakengard 3“ im Vergleich zu anderen Fantasy-Welten ein fesselndes Mysterium, das ich aufdecken möchte. Schicht für Schicht.

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